Haarklinik

How to survive 8 Stunden OP

Istanbul, 2. Dezember, 7:20 Uhr. Der Wecker klingelt nach geschätzt 3 Stunden Schlaf. Mehr als ich erwartet habe, denn ich konnte überhaupt nicht einschlafen. Als der TV aus und es ruhig im Zimmer war, hatte ich so richtig viel Zeit und Ruhe mir jede Menge Gedanken über die bevorstehende OP zu machen. Dabei habe ich mich selbst so richtig schön in die zu erwartenden Schmerzen rein gesteigert. Die Hölle!

Carsten stand mit auf, ich zog mir wie empfohlen was bequemes an und wir schlenderten zum Frühstück. Unspektakulär für ein 5 Sterne Hotel, aber ich hatte ob des üppigen Abendessens eh keinen Hunger. Kurz nach 9 war dann auch schon der Shuttle da um mich zur Klinik zu fahren. Dort angekommen wurde ich vom Fahrer noch direkt bis zur Annahme im 15. Stock gebracht. Dort traf ich dann direkt Tobi wieder, der 27. Jährige Kölner, der sein Aufnahmegespräch schon hinter sich hatte. Ich musste gar nicht so lange warten, kurz vor 10 kam ich ins Sprechzimmer in dem mich eine fließend deutsch sprechende Lady empfing und ihren Text mehr oder weniger unterratterte. Die üblichen Gesundheitsfragen wurden gestellt, unter anderem auch, wie es mir ginge und ob ich aufgeregt wäre. Meine nachdrückliche Bejahung dieser Frage wurde mit einer Beruhigungstablette quittiert und ich wurde wieder ins Wartezimmer verwiesen um dort auf das Gespräch mit der Ärztin zu warten. Das dauerte auch nicht besonders lange. Die Ärztin sprach weder englisch noch deutsch, aber die Dolmetscherin war mit im Raum und übersetzte fleißig. 

Erstmals wurde ich wirklich untersucht, die Ärztin schaute sich genau meine Kopfhaut und Haarbeschaffenheit (-und Fülle) an. Dann kam das, was bereits im Vorgespräch mit der Dolmetscherin angesprochen wurde: ich bräuchte mehr als die 2500 Grafts (also die winzigen Haarinseln, die versetzt werden). 4000 sollten es stattdessen sein. Dazu kam, dass mir eine andere Verpflanzmethode empfohlen wurde. Die DIH Methode nämlich. Soll wohl schonender sein und besser an Stellen funktionieren, die nicht so gut durchblutet sind. Tja, was sagt man da? Nein, ich will die schlechtere  Methode die Sie ursprünglich empfohlen haben? Natürlich nicht. Immerhin darf man die Mehrkosten (+300 Euro für 1.500 Grafts zusätzlich; +400 Euro für die bessere Methode = 700 € mehr) per Rechnung später zahlen. Denn so viel Bargeld hatte ich nicht dabei. Ich fand es eh schon befremdlich, dass man die 400 Euro Anzahlung in Deutschland normal per Überweisung oder Kreditkarte machen, die Restzahlung in der Klinik aber entweder mit einem 8 % Aufschlag per Kreditkarte oder eben Cash bezahlen muss. Nachdem ich mich also für das Mehr und das Besser entschieden habe, knallte ich denen also 2.000 € in bar auf den Tisch und ließ mir „dafür“ eine Rechnung über weitere 500 € mitgeben. 

Als das finanzielle und die ganzen Unterschriften geleistet waren, fragte mich die Ärztin ob ich immer noch aufgeregt wäre. Das bejahte ich abermals, obwohl ich schon etwas gechillter war. Sie meinte, sie würde mir über den Zugang, den ich gelegt bekommen sollte, noch etwas zur Entspannung geben. Okay.

Wenig später, es war wohl so gegen 11, wurde ich ins Behandlungszimmer gebracht, wo schon 3 Leute auf mich warteten. Ich durfte so nen typischen OP Kittel anziehen und mich mit dem Kopf nach unten auf den Bauch auf die Liege schmeißen, also von Serie nebenbei gucken war so gar keine Rede mehr. Mir wurde der Zugang gelegt. Ein Tropf verrichtete seine Tätigkeit, ganz zu meinem Gefallen, denn ich wurde immer müder. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich gar nicht mehr genau weiß, wann ich den Kopf rasiert bekommen habe. Egal, ich hatte jedenfalls Glatze und sah ganz bezaubernd aus.

Nun ging es los. Man wird mit einer Art Hochdrucktacker bearbeitet. Der dringt nicht direkt in die Haut ein, sondern betäubt die Stellen anderweitig vor. Ich kann nicht  genau sagen wie, aber schon das Tackern war echt unangenehm aber absolut auszuhalten. Mit ca. 20 Spritzen wurde mein Hinterkopf nach dem Tackern malträtiert. Das also, wovor alle gewarnt hatten, mit denen ich gesprochen habe. Dass das der eigentliche Horror wäre. Ja, Spritzen sind eklig, Ja, jeder reagiert anders darauf. Auch mir hat es weh getan, ABER: Die Stiche waren kurz, an manchen Stellen schmerzhaft, an anderen weniger. Wieviel Anteil diese Tackernarkose daran hatte, weiß ich nicht genau. Das Gute: Nachdem die ersten Spritzen drin sind fängt schon die Betäubung an, weswegen die restlichen Spritzen schon weniger schlimm sind. Außerdem: Das Ganze dauert vielleicht maximal 10 Minuten, dann ist zumindest der Hinterkopf = Spenderbereich komplett taub.

Die Entnahme der Grafts aus dem Spenderbereich hat sich angehört, als wenn jemand mit einer Nagelpfeile deine Kopfhaut abpfeilt. Komischer Sound, aber eben, GOTT SEI DANK, komplett schmerzfrei. Auch war ich mittlerweile so voll mit Beruhigungsmitteln und Kochsalzlösung, dass ich sogar tatsächlich eingeschlafen bin. 

Gegen 13:40 Uhr wachte ich auf, die Menschen im Raum meinten, sie wären fertig mit der Entnahme. Ein lauwarmes Mittagessen stand schon auf dem Tisch, direkt im OP Raum, das hab ich mir reingezogen um mich danach direkt wieder auf die Liege zu schmeißen. Diesmal auf den Rücken. Damit war die Zeit für die zweite Betäubungsorgie gekommen. Mit weiteren 20 – 25 Tackerstössen, und den danach in gleicher Anzahl reingeschossenen Spritzen in Stirn und Oberkopf wurde auch der Rest vom Schädel immun gegen Schmerz gemacht und die eigentliche Transplantation konnte starten. Die Grafts wurden sozusagen einzeln in kleine Stifte gesteckt und diese Stifte in meinen Kopf gebohrt um dort die Grafts anzubringen. Das passiert tatsächlich mit jedem Graft einzeln. Deswegen arbeiten die Leute auch in Schichten. Auch wenn ich größtenteils eine Binde vor der Stirn und den Augen hatte, bekam ich mit, wie immer wieder gewechselt wurde. Manchmal kamen andere Leute rein, brachten ihre Handys mit türkischer Rap Musik mit und bohrten an mir weiter rum. Ich ließ das alles über mich ergehen, war immer noch dösig und dachte irgendwie an nichts. Wer weiß, ob ich in meinem Zustand überhaupt fähig gewesen wäre mir meine extra runtergeladene Netflix Serie anzusehen und auch zu verstehen, was da passiert.

Irgendwann, mittlerweile waren sie fast am Ende meiner (bald ehemaligen) Geheimratsecken angekommen, sagte ein Typ in gebrochenem Englisch: only 2 hours left. Juhu, dachte ich, und hatte keine Ahnung wie spät es war. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich gegen 17 Uhr mal auf dem Klo war und man mir eine junge Lady sagte, ich dürfe nicht abschließen. 

Irgendwann, es muss kurz nach 7 gewesen sein, machte man mir mit der Aussage Mut, dass es nur noch ca. 30 Minuten wären, dann hätten sie die 4.000 Grafts geschafft. 

Tatsächlich kam ca. 19:45 Uhr, nach über 8 Stunden reiner Behandlungszeit das erlösende Wort: FINISHED!

Ich durfte mich langsam setzen, man fragte mich nach meinem Befinden und kündigte im gleichen Atemzug an nun mit der PRP Behandlung zu beginnen. Das ist eine Eigenblutbehandlung, bei der dir vorher am Arm abgenommenes Blut in den Kopf gespritzt wird. Mit drei fetten Spritzen. Das hat mir zum Glück nix ausgemacht, ich war noch immer komplett taub. 

Nach etwas warten in dem Raum kam dann noch mal ein Arzt um alles zu begutachten. Er war zufrieden und meinte, es hätte alles gut geklappt, sowohl Spender- als auch Empfängerbereich sähen sehr gut aus. Beruhigend. Mittlerweile kurz nach acht wurde ich eine Etage tiefer zum Warteraum gebracht. Dort wird man auf sehr bequeme Sessel gesetzt und aufgefordert eine Stunde auszuharren und sich beobachten zu lassen – das war für mich der Moment wo ich endlich mein iPad auspacken und etwas Serie gucken konnte. Leider nervte mich so ein übervorsorglicher Pfleger, der mich aller zwei Sekunden fragte, ob es mir gut gehe und in welches Hotel ich dann müsse. Ich habe dem ungelogen mindestens vier Mal das Hotel genannt innerhalb dieser einen Stunde. Ich bin unsicher, ob DER nur so verpeilt war, oder ob es ein Test gewesen ist wie verpeilt ICH war. 

Gegen 21 Uhr wurde ich endlich entlassen und durfte in den Van zurück zum Hotel einsteigen. Drinnen saßen Leute, die gerade angekommen waren und die ganze Prozedur noch vor sich hatten. Jetzt war ich in der Position von denen, die am Vorabend in unseren Hotelshuttle zugestiegen waren und mir mit ihren Horrorgeschichten eine Heidenangst gemacht hatten. Das war irgendwie ein erhabenes Gefühl jetzt der Wissende, der Erfahrene zu sein. 

21:25 Uhr, 2. Dezember, Istanbul, Kaya Hotel: in der Klinik gab es nirgends WLAN, ich konnte mich bei Carsten überhaupt nicht melden. Da ich um 9 schon abgeholt wurde, hat er spätestens 17:30 Uhr mit mir gerechnet. 

Daher schrieb ich ihm beim Betreten der Hotellobby direkt eine WhatsApp: „Bereit für Frankenstein?“

Wenig später betrat ich unser Zimmer und er sah mich in meinem wirklich gruseligen Zustand. All das, was ich hier jetzt geschrieben habe, bekam er natürlich direkt in einer 10 Minuten Kurzfassung geboten. Sein Essen war gerade gekommen, er hatte im Hotel wieder bestellt und hörte aufmerksam zu. Auch er kam zu Wort und erzählte, was er so den ganzen Tag getrieben hatte. Mit nem Uber in die Stadt, dort ausgekundschaftet, abends zurück, in ein schlechtes Hamam im Hotel, ne Runde im Pool und in der Sauna, und dann auf mich warten. Kurz: er hatte einen wesentlich angenehmeren Tag als ich. 

Ich habe ne ganze Weile überlegt, ob euch Lesern hier die Bilder die ich geschossen habe wirklich zeigen soll… ich habe mich dafür entschieden. Es kann eklig werden, wer das lieber nicht möchte, nach der Gallerie geht der Text weiter 😉

Der restliche Abend war vor allem von riesiger Erleichterung und Freude geprägt. Ich hatte es hinter mir, das geschafft, was ich mir so lange vorgenommen aber doch echt Angst vor gehabt hatte. Klar, die Betäubung ließ nach, ich bekam Kopfschmerzen die schnell mit Paracetamol bekämpft wurden, aber ich war einfach so glücklich und so wahnsinnig dankbar, dass ich das nicht allen machen musste, das mein Schatz dabei war.

Da ich für meinen Nachsorgetermin schon um 8 im Hotel abgeholt werden sollte, war der Abend nicht mehr lang. Carsten hatte Lieblingssüssigkeiten gekauft, die ich vor dem Fernseher selig in mich rein gefuttert habe. Mein riesiger Verband am Hinterkopf und das sehr angenehme Nackenkissen, was ich nun drei Tage nutzen muss, damit ich mich nachts nicht auf die neuen Stellen drehe, verstehen sich gut. Ich konnte wunderbar schlafen.

Ob die Nachsorgeuntersuchung am nächsten Tag was Neues hervorgebracht hat und ob ich mich getraut habe am Nach-OP-Tag auch mal ein Stück Istanbul zu sehen, das schreibe ich direkt im nächsten Post

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