Riestanbul

Kein Schreibfehler, sondern meine Art kurz und knapp zu sagen, wie Istanbul auf mich gewirkt hat: RIESIG. Ich war schon in einigen Metropolen, New York, Bangkok, LA… aber noch nie kam mir eine Stadt derartig groß vor. Vielleicht liegt das daran, dass sich unser Hotel in einer Ecke der Stadt befunden hat, in der man als normaler Touri wohl nicht hinkommt – weit weg von der Innenstadt. Das Hotel war eben in der Nähe der Klinik, und auch die ist ja nicht gerade ne Touristenattraktion, auch wenn sie in gewisser Weise ein Touristenziel ist. 

Schon früh um acht sollte ich diesmal abgeholt und wieder in die Klinik gebracht werden – zum Nachsorgeterminen. Diesmal musste ich alleine aufstehen und frühstücken, das war trotzdem leicht für mich. 

Im Warteraum angekommen waren schon einige andere Patienten da. Wir wurden alle nach der Reihe in ein winziges Zimmer geholt, in dem uns der Verband abgezogen wurde. Das fühlte sich an wie ein riesiges Pflaster, was abgeruppt wird. Autsch. 

Danach durften wir uns auf einem Flatscreen noch ein YouTube Video reinziehen, was uns zeigen sollte, wie man denn die aufwändige Haarwaschprozedur durchführt. Dr. Balwi war mal wieder zu sehen und wurde super schlecht auf deutsch synchronisiert, das war insofern egal, als dass das gesprochene Wort nicht wirklich wichtig war um zu verstehen was man zu tun hat. 

Ich hab mir dort gleich noch eine 15 € teure Aloe Vera Tinktur gekauft, die ich bis jetzt erst zweimal benutzt habe, das war wohl eher unnötig, gab mir aber ein gutes „Ich-tue-alles-damit-das-hier-was-wird“ Gefühl. Nach einer kurzen Frage&Antwort Runde wurden wir entlassen und ich zurück ins Hotel geshuttlelt. Eine meiner Fragen: Muss ich heute auf der faulen Haut liegen oder darf ich Istanbul ein bisschen erkunden? Die Antwort: so lange du keine 20 Kilometer läufst…

Spoiler: es waren 12 Kilometer. Als erstes mussten wir mal in die Innenstadt gelangen. Das geht mit den Öffis, dauert aber gute zwei Stunden. Daher haben wir die Uber App genutzt womit man in Istanbul die normalen Taxis ruft. Damit hat es nur 70 Minuten gedauert, und mit 16 Euro waren wir auch preislich zufrieden. Auch bei dieser Fahrt wurde wieder klar, wie riesig diese Stadt ist. Mal ein Vergleich: Berlin ist rund 900 Quadratkilometer groß, New York City hat 1.200 und Istanbul 5.000 Quadratkilometer, und damit vier Mal so viel. Die Ost-West-Ausdehnung sind 100 Kilometer, das ist, als würde man von Erfurt nach Halle fahren und wäre die ganze Zeit in einer einzigen, dicht besiedelten Stadt. Wahnsinn. 

Der Taksim Platz war unser erstes Ziel, das ist der große Platz mitten im Zentrum, auf dem auch die krassen Proteste 2013 stattgefunden haben. Es ging damals in erster Linie um die Bebauung des Gezi Parks, der direkt daneben liegt. Das war aber eher der Auslöser einer bis dahin ohnehin schon angespannten Lage wegen der Unzufriedenheit der Türken mit ihrer Regierung. 

Von dort aus sind wir durch die Stadt geschlendert, besuchten die wichtigste Einkaufsstraße Istanbuls, auf der wir Baklava kauften und die Leute beobachteten. Hier wirkt Istanbul wie die meisten anderen Großstädte: modern, offen, westlich. Es gibt von Rossmann über Zara und H&M alles, was man auch in Berlin oder Prag finden würde, die Frauen sind nur selten verschleiert, es fällt sehr auf, dass vor allem alte, kleine Frauen das Kopftuch tragen. Da wir nur diesen einen Tag Zeit hatten, haben wir nur oberflächlich geschaut, waren nirgends drin. Die Moscheen, Kirchen, Gebäude waren aber auch von außen wirklich ansehnlich. Kurz überlegten wir, ob wir auf den Galata Tower klettern sollten, ließen das dann aber sein, ich sollte mich ja null anstrengen und wollte mich auch wirklich dran halten. Normalerweise würde ich sowas ja nicht auslassen. 

Vorm Turm aus weiter ging es zum goldenen Horn, das ist ein 7 Kilometer langer Flussarm des Bosporus. Über den führen mehrere imposante Brücken, über eine sind wir geschlendert und haben uns dort über die hunderten Angler gewundert, die dort den ganzen Tag stehen, kleine Fische fangen und sie in kleinen Eimern mit wenig oder gar keinem Wasser elend verrecken lassen. Auf der anderen Landseite sind viele Souks, also Basare zu finden, in denen es alles mögliche zu kaufen gibt. Obwohl nicht weit weg, fühlte sich hier alles wesentlich traditioneller an, die Kleidung der Menschen war, sagen wir, artiger, es waren auch schlicht weniger Frauen unterwegs als rund um den „westlichen“ Taksim Platz. Mir hat es hier besser gefallen, was aber nicht an letztgenanntem Umstand liegt. Vielmehr mag ich das Orientalische, die Gerüche, das ordentliche Chaos der Märkte, die Schönheit der Moscheen, das authentische Treiben in den Gassen. 

In einem der überdachten Souks wurde mir recht warm und ich war K.O., deswegen versuchten wir schnell einen Ausweg zu finden, schließlich darf ich nicht schwitzen. In einer kleinen Bar hab ich einen türkischen Tee und einen frisch gepressten Orangensaft (für Carsten gab es, Überraschung: Bier!) getrunken und uns für den weiteren, langen Fußmarsch gestärkt. Der führte uns zur Hagia Sophia, eine Kirche die bis vor gar nicht so langer Zeit ein Museum war, jetzt aber als Moschee dient. Auch die blaue Moschee, ein Meisterwerk osmanischer Architektur haben wir gesehen. Ich wäre auch gern reingegangen, ich mag Moscheen, sie wirken so warm und versprühen eine magische Atmosphäre. Aber wir hatten zu wenig Zeit. Carsten wollte am Abend noch ins hippe Viertel Istanbuls, was auf der asiatischen Seite des Bosporus liegt. Also sind wir runter zum Wasser, eine Weile am Ufer lang gelaufen, um dann irgendwann einzusehen, dass das zu Fuß alles viel zu weit ist. Also checkten wir Google, wie wir nun am besten da hin kommen. Wieder gut 1,5 Stunden mit den Öffis – viel zu lang. Also sind wir auf die glorreiche Idee gekommen uns ein Taxi zur Fähre zu nehmen, dann überzusetzen, und von dort aus abermals per Taxi in das Viertel zu kommen. 

Also bestellten wir ein Uber Taxi, was einen riesen Umweg fahren musste um uns zu erreichen. Ähnlich wie in Dubai verlaufen durch Istanbul riesige Highways, die man weder überqueren noch auf denen man wenden kann. Also fährt man gerne mal 4 Kilometer in die falsche Richtung um zur nächsten Ausfahrt zu kommen, die man dann entgegengesetzt wieder auffährt um die Richtung zu wechseln. Wir warteten an einer Bushaltestelle, an der auch ein Bus hielt. Auch unser Taxi hielt nach 12 Minuten warten an dieser Haltestelle und brachte uns zum Fähranleger. Der war, da hatte sich wohl jemand verguckt, nur vielleicht 800 Meter weg, das hätten wir sowohl laufen als auch mit dem Bus easy zurücklegen können. Die Entscheidung ein Taxi zu nehmen bereuten wir aber nicht nur ob des echt kurzen Weges, sondern auch wegen des Preises. Die Uber App zeigte an, dass die Fahrt irgendwas zwischen 12 und 15 türkische Lira kosten sollte. Als uns der Fahrer 20 zeigte, protestierten wir nett und zeigten ihm die Preisberechnung der Uber App. Er reduzierte seine Forderung nun auf 15 und wir waren zufrieden, stiegen aus und liefen zur Fähre. Nur Sekunden später, der Fahrer war gerade losgefahren, bekam Carsten seine Abrechnung auf der Kreditkarte: 80! türkische Lira wurden abgebucht, also über das Fünffache! 

Dieses kleine Arschloch hat uns vom Feinsten abgezockt. Die Masche: Preis auf dem Handy zeigen, aber nicht confirmen. Wenn der Fahrgast raus ist, Preis ändern und los schicken. Toll! Ziemlich sauer haben wir direkt den Uber Support angeschrieben und das Overpricing gemeldet. Ich konnte es selbst nicht glauben, dass wir gerade mal 10 Minuten später eine korrigierte Abrechnung bekamen und nun tatsächlich nur die 15 Lita zahlen mussten. Vorbildlich Uber, dich benutzte ich wieder. Den Fahrer haben wir natürlich eine 1 Stern Bewertung gegeben, das hat er nun davon. 

Durch die schnelle Lösung des Problems war unser Ärger sofort verflogen und wir konnten uns dem nächsten Problem stellen: Fährticket kaufen, an einem Automat, der völlig unverständlich funktionierte. Uns wurde geholfen, sodass wir das Ticket für 8 Lira (1,30 €) bekommen haben und übersetzen konnten. 

Der Taxifahrer auf der asiatischen Seite ist mega schnell gefahren und hat uns auch nicht beschissen, sodass wir uns mit gutem Gefühl ins Getümmel stürzen konnten. Das Viertel war sehr studentisch geprägt, es gab viele kleine, extrem volle Gassen mit unzähligen Bars und Restaurants. Wir haben tatsächlich ne ganze Weile gebraucht um einen Tisch zu bekommen. In dem Indoor Restaurant war es etwas verraucht, hier darf man überall Quarzen, aber das Essen, was wir nach einigen Verständigungsproblemen bekommen haben, war nicht nur günstig, sondern auch sehr lecker. Bei Fanta und Raki (natürlich nur Carsten) haben wir ein bisschen darüber philosophiert, wie krass wenig Englischkenntnisse die Menschen hier selbst in so einer Weltstadt wie Istanbul haben.

Mittlerweile war es gegen 9, schon um 7 Uhr am nächsten Morgen sollten wir vom Shuttle abgeholt werden und wir hatten ja, das darf man in dieser riesigen Stadt nie vergessen, noch einen irre weiten Heimweg vor uns. Mit den Öffis hätte es von hier  2,5 Stunden gedauert, es war klar, dass das für uns nicht in Frage kam. Wir liefen durch die Kneipenmeile, in der ich echt Bock auf Party bekommen habe, vorbei an Cafés und Live Musik Bars zu einem größeren Platz um von dort aus mit einem Uber nach Hause zu fahren. 

Der Fahrer ist wirklich geheizt wie ein Henker, aber dafür ging es eben auch schön schnell. Für 230 Lira, also knapp 15 Euro waren wir nach gerade mal 65 Minuten im Hotel. Dort sind wir mehr oder weniger auch gleich ins Bett. 

Ein paar Eindrücke von der Stadt gibts jetzt, weiter unten darf ich dann noch meinen neusten Film über die ganze Istanbul Reise präsentieren…

Am Wochenende früh um 7, da war natürlich noch nicht so viel los, weswegen die Fahrt nur 80 Minuten dauerte. Ganze vier Stunden vor Abflug waren wir da, Kofferabgabe (ich brauchte Aufgabegepäck, wegen der ganzen Shampoos und Lotionen) und Security Check ging schnell, und das nächste McDonalds war auch nicht weit. Das war zwar scheisse (kein koffeinfreier Kaffee, keine lactosefreie Milch bei McCafé) und teuer (fast zwei Euro für nen mickrigen Cheeseburger), bot uns aber ne Sitzmöglichkeit, auf der Carsten schlafen und ich meinen zweiten Blog Post schreiben konnte. Recht pünktlich ging es los, der Flug war entspannt und wir kamen gut in Frankfurt an. Von dort aus ging direkt der ICE nach Hause, sodass wir nach insgesamt gut 13 Stunden Taxi-, Bahn-, Straßenbahnfahrt und Flug, und vor allem nach 13 Stunden am Stück Maske tragen zu Hause waren.

Am Abend führte ich meine erste Haarwäsche aus, eine Prozedur die nun jeden Abend fast eine Stunde dauert. Lotion drauf, einwirken lassen, mit Sprühflasche abspülen, einshampoonieren, auswaschen, mit Spezialhandtuch (keine Baumwolle!) abtrocknen und nochmal Lotion drauf. Dazu gibts noch Antischwellung Tabletten (einmal-) und Antibiotika (zweimal pro Tag).

Das ist nun eine Woche her – heute ist wieder Samstag. Seitdem habe ich versucht möglichst wenigen Menschen mein Aussehen anzutun, es ist mir bisher gelungen. Eine ganzen Monat darf ich keinen Sport machen, auch das ist der Grund, warum ich Zeit hatte ein kleinen Film über die Istanbulreise und die Transplantation zu machen. Er geht 4:45 Minuten und ist voll hollywoodreif (rede ich mir ein).

Eins steht für mich fest: Istanbul ist eine super spannende, riesige Stadt, die es definitiv verdient hat, mehr als ein Tag angesehen und erlebt zu werden. Deswegen gehe ich fest davon aus, dass das hier nicht der letzte Besuch (und der letzte Post) in (zu) Istanbul gewesen ist.

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