Wolken im Paradies

Nein. Das Wetter ist schön. Immer. Fast schon zu schön. Wir brauchen auch ab und zu Regen, damit der Wassertank, der das Wasser für Dusche etc. beinhaltet, auf guten Niveau bleibt. Das Problem ist ein ganz anderes. Und es hat sogar einen Namen: Hamish Macintyre. Der Mann, der mich so nett in Empfang genommen und mir mit eisbrecherischem Smalltalk die Herfahrt versüßt hat, hat sich mittlerweile als egozentrisches Arschloch Individuum herausgestellt. Die Stellenanzeige für den Au Pair Job sprach von 20 Stunden die Woche. Und 15-200 Dollar in gleichem Zeitraum. Ich arbeite knapp das Doppelte. Früh geht`s 7:15 Uhr los. Ich komme rein, suche die Kinder, frage nach ihren Frühstückswünschen und fange an diese zu erfüllen. Dann muss ich durch alle Zimmer rennen um die Klamotten in die Loundry bringen. Dann geht`s Richtung Coolroom um die Trinkfalschen fertig zu machen. Nach dem Frühstück sollen sich die Kinder anziehen. Das schaffen sie mit ihren 9 bzw. 11 Jahren nicht alleine. Denn: Sie wissen nie, wo ihre Klamotten sind. In Australien herrscht Schuluniformspflicht. Selbst Hut und Socken sind genormt. Das Anziehen artet jeden Tag in Streitereien aus, wer welche Größe anziehen soll und wo sich die betreffenden Kleidungsstücke befinden. Wenn`s dann doch mal mit dem Anziehen geklappt hat, werden die Ranzen gepackt. Lunchpakete rein, Diary rein, Hausaufgaben rein. Wenn mal an einem Morgen alles glatt läuft, dann schaff ich es, die Wäsche aufzuhängen, noch bevor ich die Kinder in die Schule fahre. 1,5 Stunden nimmt diese ganze Prozedur inklusive Schulfahrt in Anspruch. Von der Schule fahre ich dann zum Airport. Dort warten Besen, Schrubber und die Haut angreifende Reinigungsmittel auf mich. 3 Stunden wird dann gecleant. Gegen 12 oder 1 komm ich aus dem Airport raus und fahre nach Hause. Dort angekommen, ess ich kurz was und fange dann an die Wäsche abzunehmen, sie zu falten, und in die Zimmer zu bringen. 15 Uhr ist die Schule vorbei, die Kids müssen abgeholt werden. Nach einem Afternoon Tea (sowas wie Vesper), was selbstverständlich ich zubereiten darf, machen die Kinder nach 2 Millionen Überredungsversuchen Ihre Hausaufgaben. Alleine geht das selbstredend nicht. Gerade bei little Richard mus ich immer dabei sein. Wenn er keine Lust hat, kann ein simples “3 times 5″ (also 3 x 5) zur Tortur werden.

Irgendwann nach den Hausaufgaben ist es dann 18 Uhr und die Mutter kommt vom Shopping, aus dem Office oder sonstwoher zurück und fängt an das Dinner vorzubereiten. Sie kann nicht kochen. Sie liebt aber kochen. Deswegen hat sie viele tolle Kochbücher nach denen sie Schritt für Schritt vorgeht. Entstehen tun dabei Möchtegern Gourmetgerichte mit zich Zutaten, die dann trotzdem nach nichts schmecken. Alle Zutaten müssen geschält, geschnitten, gekocht, gebraten oder ge”microwavet” werden. Es wäre ja langweilig, wenn ich das nicht machen müsste. So gehen also weitere 1,5 Stunden ins Land. 19:30 Uhr kommt dann Hamish von der Schicht. Philippa entschuligt sich vor dem Essen schon für Selbiges bei Ihrem Gatten, denn der meckert wirklich an allem und jedem. Nach dem Essen serviere ich noch ein wenig fettigen Nachtisch, beispielsweise viel zu süßen Kuchen, und mach alles sauber. 20 Uhr kann ich denn meist gehen. Zusammengerechnet (ohne den Airport Job) komm ich auf ca. 7 Stunden täglich. Wahrscheinlich könnte sogar little Richard zusammenrechnen, dass es nicht 20, sondern eher 35 Stunden die Woche sind.

Soweit so gut. Harte Woche und gutes Geld, was soll`s, es gibt ja Gott sei Dank das Wochenende. So dachte ich zumindest. Weit gefehlt. Am Letzten Sonntag komme ich ins Haus, gegen 18:30 Uhr. Nicht wissend wie mir geschieht, kommt Hamish auf mich zu, erhebt seine Stimme zu einer unangenehmen Lautstärke und Tiefe und schnauzt mich vom Feinsten an, wie ich es mir erlauben könne, das hier “nichts gemacht” ist. Ich solle mich nicht wie im Urlaub fühlen. Ich bin hier zum Arbeiten, wenn  ich das nicht täte, könne ich gehen. Das folgende Dinner an diesem Abend war entsprechend “angenehm” für mich. Am gleichen Abend habe ich meiner Housemate Ani meine abendlichen Erlebnisse erzählt, worauf sie Ähnliche Schauergeschichten Hamish betreffend aus Ihrem Erfahrungsfundus zum Besten gab.

Am vergangenen Dienstag habe ich dann das Gespräch mit Philippa gesucht. Sie ist zwar immer viel zu gestresst, im Gegensatz zu ihrem Gatten aber immer zugänglich für Fragen und Probleme. Beim Gespräch kam raus, dass es wohl auch zu meinen Aufgaben gehöre am Wochenende präsent zu sein und die laufenden Sachen weiter zu machen. Das heisst: Essen vorbeiten, waschen, bügeln, blablabla…. . Von “frei” oder entspannen kann also keine Rede sein.

Auch wenn sich das alles jetzt dramatisch anhört, ist es eigentlich trotzdem recht schön hier. Der einzige Faktor ist der Vater. Der übrigens nicht nur mit mir, sondern auch mit allen anderen so redet, inklusive seiner Kinder, von denen er nicht die geringste Ahnung hat.

Am heutigen Freitag ist der Scone Cup. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um ein Pferderennen. Alle Firmen machen eher dicht, denn dieser Cup ist hier das Event des Jahres. Ungefähr 8000 Gäste werden erwartet. Unter ihnen sind auch die Eltern der Kids. Die Kids allerdings nicht. Auf die darf ich aufpassen und nebenbei Taxi spielen. Damit das aufpassen auch ja nicht langweilig wird, kann ich es am ganzen Wochenende fortsetzen, die Eltern fahren nach Sydney.

Das alles hat aber auch einen echten Vorteil: Extra Geld. Also Augen zu und durch. Und das vor allem ER nicht da ist, hat auch was Entspanntes, denn wenn er im Hause weilt ist immer eine schreckliche Spannung in der Luft. Er ist in letzter Zeit grundsätzlich schlecht drauf und beschwert sich, dass er nur von “stupid people surrounded” ist.

Auf den nun folgenden Bildern, ist die Welt aber in vollster Ordnung. Hier stell ich endlich mal meine “schrecklich nette Familie”, die leider garnicht so “laid back” ist, was man über Australier immer hört, vor.

Vorerst bleib ich hier. Mal sehen wie es weiter geht. Geld verdienen klappt ja ganz gut. By the way: Chris ist seit letzter Woche Dienstag bei seiner Family in Mona Vale, was ein Suburb (Stadtteil) von Sydney ist. Er hat nen kleinen Schreihals und die 14 Jährige Tochter und definitiv die Wochenenden frei. Seine Familie überlegt, direkt nach Sydney zu ziehen. Wahrscheinlich nach Bondi, dort wo der bekannte Strand ist. Ein bischen neidisch kann man da schon werden ;-). Aber wer braucht schon Strand, wenn man Pferde hat…

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